Ziele der Akamdie Heilkunst
Freitag, 3. September 2010
Medizinische Fakultät Carl Gustav Carus, Hörsaal Orthopädie
16:30 Uhr - Einführung in die Thematik und Ziele der neuen Akademie
Sehr geehrte Gäste und Referenten des Kolloquiums, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde,
unser Thema: „Die Kunst vorbeugend zu leben – Ein Blick aus der Vergangenheit“ scheint antiquiert. Könnte dieser Blick nicht auch für die aktuelle Situation der medizinischen Wissenschaft, Lehre und Praxis Perspektiven eröffnen? Was will uns die Antike und deren Wiedergeburt in der europäischen Geistes- und Kunstgeschichte, was will uns die Romantik über Lebensweisen sagen, die für uns heute noch irgend einen realen Bezug hätten? Selbst zu Beginn des letzten Jahrhunderts kannten wir noch kein Telefon, geschweige denn in jeder Hosentasche, keine Flüge in alle Teile Europas zu unverschämt niedrigen Preisen, keinen ICE-Verbindungen aller Großstädte im Stundentakt, keine die Öffentlichkeit dominierende Medienindustrie... - Was also könnten uns – heute - diese noch älteren Zeiten im Wissenschaftlichen, im Erkenntnisbemühen, im Lebenspraktischen sagen? Was könnte Grund sein, uns damit zu beschäftigen? Wozu den Blick nach hinten richten, wenn alle Welt -mit Angst- nach vorne schaut? Wir fragen uns das: Wie haben unsere Väter vorausgeschaut? Was war ihnen an der Zukunft wichtig, erstrebenswert? Leben wir die Zukunft unserer Väter, oder sind wir ganz woanders hingekommen?
Wir haben uns die Aufgabe gesetzt, in den kommenden drei Tagen diesen janusköpfigen Blick einmal auszuhalten und zu fokussieren: Was können wir als Ergebnis davon in die gegenwärtige Diskussion medizinisch-öffentlicher Angelegenheiten in Forschung, Lehre und Praxis hineinstellen?
Grenzt zunehmend pränatale Diagnostik nicht an Euthanasie? Für wen eigentlich ist heutzutage Vorsorge gemeint - also Prävention, prävenire heißt Voraus-Kommen, also mit Blick in die Zukunft zurück schliessen auf heute -, und mit welchem Sinn wird sie begleitet? Wie verändert sich rückwirkend aus dieser wie auch immer gedachten Zukunft unser heutiges Krankheits- und Gesundheitsverständnis? Haben wir z.B. in der Prävention ein qualitatives oder nur quantitatives Bild vom Menschen vor uns? Gibt es Alternativen zum Risikofaktorenmodell der Gesundheitsökonomie, des „Public Health“? Lebensverlängerung zu welchem Preis?
Ich will Sie nicht mit solchen Fragen langweilen oder die Latte für unsere anstehende Arbeit zu hoch hängen. Unser Kolloquium ist das erste in diesem Stil; es ist ein Versuch, vielleicht ein Wagnis.
Hier die Themen, die uns erwarten: (siehe Programm!) Wir teilen sie ein in drei Abschnitte, gemäß unseren Hauptfiguren der Renaissance, der Romantik und der Neuzeit:
- Pico della Mirandola,
- Carl Gustav Carus und
- Rudolf Steiner.
Diese drei Menschen haben wir ebenso als Paten der Akademie gewählt. Sie repräsentieren unsere Grundgedanken, über die ich gleich noch etwas ausführen möchte.
Ich las neulich im Titel der Nachrichten der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen das Zitat von Josef Beuys.
und dachte sofort; das ist es, worum es uns geht! Wir wollen Zukunft erfinden! Und wir können Zukunft erfinden, wenn wir es wollen! - Haben wir nicht schon jetzt viel zu viel, was wir gar nicht wollen, das wir fortwährend kritisieren, unentwegt darüber lästern und stöhnen?! - Und ist es nicht zugleich ironisch, dass ausgerechnet auf dem Mitteilungsblatt einer KV dieser Satz steht? Haben wir tatsächlich den Mut, gegen die Zwänge einer rücksichtslosen Bürokratie über neue Konzepte nachzudenken? Oder beschränkt sich das Erfinden hier um Definitionen von Ordnungsziffern für Leistungen im unseligen Verteilungskampf – und dann liegt „die Zukunft, die wir wollen“ nur darin, dass wir einen neuen Verteilungskoeffizienten aushandeln?
Egal: wir wollen eine Akademie für die Medizin mit dem Ziel, auf dem geistesgeschichtlichen Hintergrund unserer christlich-abendländischen Kultur ein humanistisches Menschenbild wissenschaftlich und praktisch zu gestalten. Dazu brauchen wir eine andere Wissenschaft. Die Doktrin etwa der doppelten Verblindung, nämlich von Arzt und Patient, bei Studien, multizentrisch, randomisiert, cross-over und EBM-fähig als das führende Kriterium für geduldete sogenannte „objektiver“ Erkenntnis erscheint uns nicht zukunftsfähig. Wohingegen die Integration humanistischer Gedanken in die Auffassung von Krankheit, Heilung und Gesundheitsförderung Methoden erarbeiten kann, die durch neue Fragehorizonte, die dadurch ermöglicht werden, neue Antworten zeitigen. In der Art des Fragens, so sagen es uns die Philosophen, die Erkenntnistheoretiker, verbirgt sich nämlich immer schon die Antwort...
Wir denken: so ein Projekt ist machbar. Langsam, integrativ, schonungsvoll. Wir brauchen dazu grundsätzlich und primär eine Kritik der Sinne, der Aufmerksamkeit und der Anwendung. Dieses zu leisten, sind wir angetreten; dieses zu erreichen, ist unser Zukunftswille – um mit Beuys zu sprechen.
Ich bekam neulich eine E-mail von Herrn Gerald Hüther, Gehirnforscher und Dozent, der aus seinem Urlaub eine Tirade für die Begeisterung loslässt. Zwar könne man keinen zur Begeisterung zwingen oder überreden, aber sie sei günstig fürs Hirn!
Er schreibt: „Wie den Kindern ihre angeborene „Begeisterung“ am Entdecken und Gestalten verloren geht, oft sogar ausgetrieben wird, und wie sie später, bis ins hohe Alter wieder erweckt werden kann, ist für mich eines der spannendsten Probleme geworden, die es zu lösen gilt. Und zwar in der Praxis, nicht in der Theorie.
Wahrscheinlich hängt das zweite Problem, das mich gegenwärtig ebenfalls besonders beschäftigt, eng mit diesem Begeisterungsproblem zusammen. Es geht dabei um die Frage, wie es uns gelingt, im Frontalhirn all jene hochkomplexen neuronalen Verschaltungsmuster aufzubauen und zu stabilisieren, die wir für diese eigentlichen menschlichen Fähigkeiten brauchen, also so etwas wie Selbstdisziplin, Impulskontrolle, Frustrationstoleranz, Mitgefühl, Einfühlungsvermögen, Achtsamkeit, Behautsamkeit, Verantwortungsgefühl etc.
Die Antwort ist möglicherweise einfacher, als wir uns das vorstellen können.
Es gelingt immer dann, wenn ein Mensch Gelegenheit hat, die Erfahrung zu machen, wie beglückend es ist, gemeinsam mit anderen etwas zu entdecken, ewas zu gestalten, sich um etwas kümmern zu können. „Shared attention“ heißt das im Englischen – geteilte Aufmerksamkeit.
Wem diese Erfahrung vorenthalten wird, der leidet an einem Defizit; dessen Denken dreht sich dann nur um sich selbst, egozentrisch, und dann können diese für die typisch menschlichen Fähigkeiten erforderlichen Vernetzungen im Frontalgehirn eben nur kümmerlich herausgeformt werden.“
Lassen Sie mich skizzenhaft ein paar Worte zu den drei Säulen unserer Akademie sagen: Wahrnehmung – Achtsamkeit - Anwendung.
Die menschliche Wahrnehmung hat heute alles Selbstverständliche verloren. Multimedia und virtuelle Welten spielen uns Erlebnisfülle und Reichtum sinnlicher Erfahrung vor. Diese beeindrucken zwar, führen aber nicht unbedingt zu einer produktiven Umsetzung der Wahrnehmung. Nur selten werden wir uns bewusst, dass die Überreizung der Wahrnehmung in unserer Gesellschaft davon verursacht ist, uns bewusst zu beeinflussen. Künstlich erzeugte Wahrnehmungswelten ersetzen schließlich die Wahrnehmung einer gegebenen Welt.
Wie gehen wir mit dem Wirklichkeitsverlust um, wo auch die Sinne ihren Sinn verlieren und wo nur das Gefühl von Beliebigkeit und Zufälligkeit über die verbleibenden Eindrücke der Welt zurückbleibt?
Hier lohnt „Ein Blick aus der Vergangenheit“. Goethe beginnt erst gar nicht bei der Trennung der Wahrnehmung vom Denken; sein Gegenentwurf dazu schafft das „anschauende Denken“. Durch die Wahrnehmung wird, nach Goethes lebensfreudigen, dem Phänomen zugewandten Natur, grundsätzlich ein zutreffendes Bild der Welt vermittelt.
Beste Anregungen zum Einstieg in diese Diskussion kann die hervorragende Magisterarbeit von Ursula Schuh sein: „Die Sinne trügen nicht“
Goethe hat in seinen Altersjahren erhofft, jemand möge sich einer Kritik der Sinne annehmen.
Goethe am 17.02.1829 im Gespräch mit Eckermann:
„In der deutschen Philosophie wären noch zwei Dinge zu tun. Kant hat die „Kritik der reinen Vernunft“ geschrieben, womit unendlich viel geschehen, aber der Kreis nicht abgeschlossen ist. Jetzt müsste ein Fähiger, ein Bedeutender die Kritik der S i n n e und des Menschenverstandes schreiben, und wir würden, wenn dieses gleich vortrefflich geschehen, in der deutschen Philosophie nicht viel mehr zu wünschen haben“
Und während meines Besuchs neulich bei der Ausstellung zur Farbenlehre Goethes im Goethe-Museum in Weimar - seines Hauptwerks, wie man da lernen konnte! - fand ich den bislang pointiertesten und provokantesten Ausspruch Goethes:
„Ich rede kein vernünftig Wort mit einem durch die Brille“ -
der seine Ablehnung der Instrumetisierung und Manipulation der Sinne durch seine „liebevolle Freunde am Sinnlichen“ zum Ausdruck brachte.
Rilkes Missbehagen beim Mikroskopieren und die durch Rodin, dessen Sekretär er einst war, vermittelte Schulung des „Hinsehens“, des absolut genauen Wahrnehmens, was ja dann bekannterweise zum „Buch der Bilder“ geführt hat, ist von Käte Hamburger in exzellenter Weise eben auch erkenntnistheoretisch erläutert worden.
Wir haben hier im Frühjahr auf unserem ersten Symposium 2009 „Wissenschaft und Methode als Lebenslehre“ von Prof. Pörksen, der seinerzeit als Doktorand sämtliche Versuche der Farbenlehre Goethes für sich nachgestellt hat und sich über die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes habilitieren konnte, über die „unmöglichen Synthesen“ und über die „Selbstüberwindung des Beobachters“ anhand goethscher Erkenntnismethodik gehört.
Diese ist im Laufe des 20. Jh von diversen Forschern und Philosophen weitergedacht worden. Ich nenne hier Edmund Husserl (1859 – 1938), auf den sich Käte Hamburger bezieht, um Rilkes Naturschauen erkenntnistheoretisch zu stützen, Maurice Merleau-Ponty (1908 - 1961), Thomas Fuchs (* 1958).
„Wahrnehmung ist immer eine Neugeburt des Bewusstseins“ (Merleau-Ponty in: Phänomenologie der Wahrnehmung)
Eine aus der „Kritik der Sinne und des Menschenverstandes“ sich herleitende Erkenntnismethodik bietet die Anthroposophie oder Geisteswissenschaft Rudolf Steiners (1861 – 1925), welche insbesondere in der „Philosophie der Freiheit“ (1894) und dem kleinen Büchlein „Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (1886) dargelegt wurde. Damit verknüpft sind auch seine vielfältigen medizinischen Anregungen. In Vorträgen, Ärztezusammenkünften und Patientenbesprechungen in den 20iger Jahren des 20. Jh. im Zusammenhang mit dem „medizinisch-therapeutischem Institut“ von Dr. med. Ita Wegmann sind viele dieser Grundgedanken und Impulse einer neuen geisteswissenschaftlichen Orientierung in der Medizin gegeben worden. Mit Ita Wegmann als Co-Autor, verfasste er am Ende seines Lebens ein kleines Büchlein und formulierte dort, was den Beginn eines völlig neuartigen Ansatzes in der Medizin begründen sollte. Auch unsere Arbeit in der Akademie wird dieses Buch als Anregung in Zukunft begleiten: „Grundlegendes zur Erweiterung der Heilkunst“ (1925).
Hier sind wir schon beim Übergang zur zweiten Säule unseres Akademiegedankens, nämlich der Aufmerksamkeit. Was meinen wir damit?
Edmund Husserl, als strenger Philosoph und Phänomenologe, beschäftigte sich in seinen wissenschaftlichen Studien mit der „Aufmerksamkeit“ gründlich: Er bezeichnete diese als „strenge Wissenschaft der Erkenntnis“. Er beginnt den Aufbau seiner Philosophie als „transzendentale Subjektivität“ mit der methodischen Operation der „phänomenologischen Reduktion“. Das hat er verstanden als ein Tun, als Epoché, einer Zurückhaltung oder besser Enthaltung. Die Welt wird außer Gefecht gesetzt, um sie in universeller Selbstbestimmung wieder zu gewinnen. Wobei Epoché bedeutet: auf sich beruhen lassen aller im Laufe der Geschichte an einen Gegenstand herangetragenen Meinungen, um das Wissen, d.h. die ideale Möglichkeit dieses Gegenstandes zugänglich bzw. erfahrbar zu machen.
Achtsamkeit kann dann so verstanden werden: ruhig gelenkte gespannte Aufmerksamkeit auf etwas – oder im weiteren auf kein-etwas. Wir kennen aus der Vispassana des Buddhismus den konzentrierenden Gedanken: „die pure Beobachtung alles Störenden ist das Heilmittel gegen das Störende“, der uns in das Zentrum der Aufmerksamkeit führen kann.
Thich Nhat Hanh (*1926), ein großer buddhistischer Mönch des Sati-Zen, der Achtsamkeitspraxis (Sati = Achtsamkeit) sagt in „The Miracle of Mindfulness“: „Jede geistige Ungereimtheit verliert an Stärke, sobald man sie beobachtet. Sie klingt ab und verschwindet.“
„Nim din selbes war, und swa du sich vindest, da laz dich; daz ist das aller beste“. (Meister Eckehart 1260 - 1328)
Im Spannungsfeld in der Achtsamkeitspraxis moderner Psychotherapie, wenn sie sich sowohl therapeutisch und wissenschaftlich, zudem auch als spirituelle Methode versteht, sehen wir uns als Akademie insofern verstanden, als wir die Achtsamkeit als Methode in den wissenschaftlichen Diskurs als auch eine sich daraus entwickelnde neue Spiritualität als Grundlage unserer Arbeit begreifen.
Die Akademie bemüht sich: Um die Qualität der Achtsamkeit einzuführen auch in die Innere Medizin, in Anatomie, Physiologie, Pathologie; das Fragen zu lernen, Fragen neu zu formulieren. Aufmerksamkeit und Achtung vor dem Leben soll gepflegt werden im Verhältnis des
- Arztes zu seinen Patienten,
- des Mediziners zur Wissenschaft und
- des Heilers zur Erkenntnis des heilenden Agens.
Dann kann das, was einmal der Psychotherapeut Arnold Beisser (1925 – 1991) als die paradoxe Theorie der Veränderung formuliert hat, auch für die Arbeit der neuen Akademie gelten, die ihre Existenz im mitteleuropäischen Kulturbereich erkennt und die Zukunft hier und jetzt neu entdecken möchte, neu erfinden, neu gestalten:
„Veränderung geschieht, wenn jemand wird, was er ist. Nicht, wenn er versucht etwas zu werden, das er nicht ist“
Hier tut sich ein neues Feld auf. Krankheit nicht als eine locker gewordene Schraube im Bio-Mechanismus Mensch zu interpretieren, sondern ihr, um mit dem Begründer der Integrativen Medizin, Victor von Weizsäcker (1886 - 1957) zu sprechen, ein
„lebensgeschichtlicher Wert“
beigemessen wird. Diesen Gedanken möchte die Akademie pflegen.
Wir kommen zur dritten Säule der Akademie Heilkunst:
Anwendung, also Praxis, also Handhabbarkeit.
Viktor von Weizsäcker beschreibt einmal die Krankheit als „Rückzug zur Naivität“. Der Mensch wird wieder, was er einst war. Er regrediert. Alle Entwicklung setzt Rückzug, auch Rückblick vor-aus! Krankheit als Entwicklungspotential?
Wie kann man als Arzt und Therapeut auf dem Hintergrund dieser skizzierten Anschauung praktizieren, handeln, Leiden von Mitmenschen mildern? Was sind die Elemente der therapeutischen Handlung? Wie steht es um den Geist – wie es Prof. von Engelhardt vor kurzem hier in Dresden treffend beschrieb – um den „Geist der Miseriocordia, der Caritas und der Barmherzigkeit – die das Mittelalter hindurch jegliches therapeutische Tun prägten?
„Die Patienten, die Ärzte und Pfleger, die Besucher, die das Hospital betraten oder verließen, gingen immer unter diesen Werken der Barmherzigkeit hindurch (gemeint ist das Heiligen Geist Hospitals in Lübeck), die ihnen ein entsprechendes Verhalten nahelegten. Man unterscheidet im allgemeinen sieben körperliche Werke der Barmherzigkeit, wozu auch die Werke gehören, die Kranken zu besuchen („visitare infirmos“), die Toten zu beerdigen oder sich zu Gefangenen zu begeben. Neben den körperlichen Werken der Barmherzigkeit, zu denen zum Beispiel zählte, Verzweifelte zu trösten und Sterbenden beizustehen...
Es stellt sich stets von neuem die Frage, was verstehen wir unter „Krankheit“, was unter „Gesundheit“ und was unter „Therapie“? Ist Therapie nur Behandlung oder auch Beistand, Begleitung eines Kranken? In diesem Raum stellt sich damit auch die Frage nach der Arzt-Patienten-Beziehung; ist sie eine Beziehung zwischen einem Techniker und einer defekten Maschine oder zwischen zwei Menschen mit Sprache, Bewusstsein und sozialen Kontakten.“
Eindeutiger, einfacher und klarer kann man nicht formulieren, worum es bei der Anwendung geht. Wir fragen nach dem Sinn der Krankheit, des Leidens. Wir fragen nach der angemessenen Haltung, ihr zu begegnen. Die Antworten fallen vielfältig aus – sie sind jedoch immer schon in der Frage vorbereitet, vor-handen. Und das verdanke ich dem kostbaren Büchleins des Philosophen und späteren Hermetikers Heinrich Rombachs (1923 – 2004) „Über Ursprung und Wesen der Frage“ (1952). Der Grundsatz des Fragens – jeder Mensch kann das („es gibt kaum etwas Selbstverständlicheres als das Fragen“) - ist, dass sie sich mit der Beantwortung selbst vernichtet. Aus den Dimensionen des Fragen-Könnens entwickelt Rombach eine Seins-Philosophie zu den Gründen menschlicher Existenz, der Hauptfrage der Philosophie „Was ist das Sein?“ und dass die Antwort immer Strukturteile der Frage beibehält.
Unsere Grundfrage für die „Anwendung“ und Handhabbarkeit lautet:
Was ist das Wesen der Heilung?
Welchen Rahmen, welchen sozialen Kontext, welche „Frage“, welche „Antwort“ braucht z.B. eine Substanz als Medikament zubereitet, um heilsam wirken zu können?
Wie können wir Zukunft - jetzt gestalten, um
- in anschauender, wahrnehmender Urteilskraft
- durch achtsam aus den „Lehren des Selbst“ gewonnene
- praktische Anwendung
die Ideen der Akademie verwirklichen zu können?
Goethe hat eine Ästhetik entwickelt, die Folgen für sein Fragen-Können, und für seine „Antworten“, eben auch allgemein für die bildende Kunst hatte (Polarität und Steigerung).
– Gibt es solche Folgerungen für die Heilkunst?
Spricht Goethe von dem Zusammenklang der Wahrnehmungen (Synästhesie – vgl. die Tageszeiten von P.O.Runge!), meint er die Verbindung der Gegensätze (eines polar gegliederten Bildgegenstandes, Einsatz von Farbkontrasten u.s.w.) und eine Darstellung der Steigerung. So verbindet sich
das Eigentümliche mit dem Allgemeinen und Ideellen, vermittelt durch die „reine Wahrnehmung“ als Ausgangspunkt. Dabei werden verschiedene eindrücke in Beziehung gesetzt, also Variationen eines Themas erzeugt: zum Beispiel in den Beziehungen zwischen Farbe und Form, die zur Polarität und Steigerung kommen.
Die Qualität der Sinneswahrnehmung wird, nach Goethe, vom Gesetz der Polarität bestimmt – wie zuletzt auch die Welt selber. Gesetzmäßigkeiten des polaren bildnerischen Aufbaus verbinden sich mit der polaren Struktur des dargestellten Gegenstandes.
In der Gruppe des Laokoon zum Beispiel sehen wir das „Sterben und Leiden in einem Augenblick“, der Vater mit seinen beiden Söhnen im Kampf und in der Niederlage zugleich – worüber Goethe begeistert schreibt als den „herrlichsten Gegenstand für die bildende Kunst“.
Demgemäss lassen sich Polarität und Steigerung auch im Bereich der Sinne (Lebenssinn – Bewegungs- und Tastsinn) erfahren. Und in der Pathologie finden wir Polarität und Steigerung, wenn wir die Gegensätze zwischen einer entzündlichen Krankheit (Kindheit) den sklerosierenden Krankheiten (Alter) gegenüberstellen. Unsere Frage nach Polarität in der Pathologie findet eine Antwort, die bereits eine Steigerung enthält in der Annahme, dass der Ausgleich beider die Gesundheit ausmachen könnte – und die Heilung das Mittelmass sozusagen dieser Polaritäten wäre
Der Schritt dann zum Menschheitsrepräsentanten, wie ihn Rudolf Steiner in überlebensgroßer Form geschnitzt hat, kann sich einem hier aufdrängen: Luzifer hier zur Linken Seite oben, Ahriman dort unten in der Höhle; dazwischen in ruhiger achtsamer Weise der „Menschheitsrepräsentant“ in der Stärke eines unbehelligt dahin schreitenden Menschen.
Oder wir finden bei der Hildegard von Bingen (1098 – 1179) aus dem „Liber divinorum operum“ die Darstellung des Menschen in seiner Anbindung mit dem Kosmos, der ihn in konzentrischen Farbkreisen unmittelbar umgibt und konstituiert.
Mögen diese einleitenden Worte Ihnen Anregung geben, die Idee der „Akademie Heilkunst“ zu verstehen, das Thema unseres Kolloquiums „Die Kunst vorbeugend zu leben - Ein Blick aus der Vergangenheit“ in die Gegenwart hineinzuführen und eine Medizin begründen zu helfen, die ihre Wurzeln im Geiste des Humanismus sucht.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(Andreas Valentien)
